Es
ist leichter, einen Berg an einem
Haar herumzuschleppen, als sich mit
eigener Kraft aus sich selbst zu befreien
Abu Sa'id-i Abu'l Khair
Als eine Brigade der israelischen
Armee am 31. Mai 2010 in den Morgenstunden
die Mavi Marmara erstürmte und
in der Folge mehr als 10 Menschen
ermordete, hat die IDF diesmal jene
Gewalt gegen FriedensaktivistInnen
gerichtet, die seit den letzten 60
Jahren zum traurigen "Alltag"
in Palästina zählt, ein
palästinensischer Alltag, der
im "Normalfall" ausschließlich
PalästinenserInnen widerfährt.
Dieser palästinensische "Alltag"
begann im Zuge der Gründung des
Staates Israels mit der Vertreibung
von 700.000 PalästinenserInnen
und den Massakern prä-militärischer
zionistischer Terrororganisationen:
in Deir Yassin, Qalunya, Saris, Beit
Surik, Biddu
, später in
Sabra und Schatila, in Jenin, in Gaza,
...
Dieser palästinensische "Alltag"
fand seinen jüngsten Höhepunkt
während der Bombenangriffe Israels
gegen den hermetisch abgeriegelten
Gazastreifen 2008/2009. Doch der Krieg
gegen die Menschen in Gaza begann
nicht mit der Operation "Gegossenes
Blei", als das israelische Militär
mit einem riesigen Arsenal an Bomben
und völkerrechtswidrigen, "experimentellen"
Waffen den Gazastreifen angriff, dieser
Krieg wird vielmehr auf unterschiedlichsten
Ebenen und seit Jahren ununterbrochen
geführt. Israelische Behörden
diktieren das Leben der Menschen in
Gaza, bestimmen, ob und wenn, wie
viel Nahrung zum Überleben ausreichen
muss, wie viel Benzin, wie viel elektrischen
Strom, wie viel Zement, wie viel Wasser,
wie viel Medikamente den BewohnerInnen
Gazas zugestanden wird.
Wenn die israelische Staatsführung
argumentiert, dass eine Hilfslieferung
nicht nötig sei, weil die PalästinenserInnen
im Gazastreifen ausreichend versorgt
wären, wenn israelische Offizielle
vorrechnen, wie viel Kalorien den
Menschen in Gaza zuerkannt wird, damit
sie nicht verhungern, so offenbart
sich darin der Zynismus einer Besatzungsmacht,
die offiziell in Gaza nicht mehr besatzt.
Wenn aber diese Argumentation Israels
in den europäischen Medien ernsthaft
diskutiert wird, so zeigt sich darin
erschreckend klar, dass dieser Zynismus
längst alltäglich geworden
ist: Die Menschen in Gaza scheint
man wie Tiere in einem Käfig
zu betrachten, deren Wärter versichern,
dass sie einmal am Tag gefüttert
werden, damit sie nicht verenden.
Die Vorgehensweisen der israelischen
Armee sind auf erschreckende Art und
Weise seit 60 Jahren gleich geblieben,
die Vernichtung "der Anderen"
scheint die einzige Strategie zu bleiben,
mit der die israelische Führung
glaubt, die Existenz einer israelischen
Staatlichkeit sichern zu können.
Diese Vorgehensweise geht mittlerweile
soweit, dass man bereits glaubt, Israel
dürfe und müsse zur "eigenen
Sicherheit" FriedensaktivistInnen
ermorden, die es wagen dem größten
Freiluftgefängnis der Welt einen
Besuch abzustatten. Dabei bedienen
sich die IDF-SprecherInnen einer Strategie,
bei der Gewaltbereitschaft seitens
der AktivistInnen suggeriert werden
soll, die in den medialen Re-Präsentationen
unhinterfragt übernommen werden.
Doch wenden wir unseren Blick zurück
auf Europa, wie wird der "Nahost-Konfilkt"
hier diskutiert und welche Perspektive
ermöglichen diese Diskurse in
Hinblick auf "unsere" eigene
Geschichte?
Welche Bedeutung hat die augenblicklich
gestellte Frage, wie viele ÖsterreicherInnen
Deutsche, wie viele FranzosInnen,
ItalienerInnen, BritInnen, wie viele
EuropäerInnen dabei verletzt
oder gar getötet wurden? Soll
es die europäische Öffentlichkeit
etwa erleichtern, wenn sie erfährt,
dass es "nur" türkische
AktivistInnen waren, die ihr Leben
ließen?
Ein militärischer Piraterie-Akt
auf internationalem Gewässer
gegen ZivilistInnen, deren Widerstand
darin bestand, nicht zulassen zu wollen,
dass die Menschen in Gaza vom Rest
der Welt abgeschottet, dem Hunger
ausgesetzt bleiben; dieser militärische
Piraterie-Akt wird von Israel zum
Anti-Terror-Einsatz umgedichtet. Sollen
die legitimierenden Argumente von
Europa allen Ernstes debattiert werden?
Selbst der Völkerrechtler und
ehemalige deutsche Parlamentarier
Norman Paech musste allen Ernstes
auf seiner Pressekonferenz dazu Stellung
nehmen. Klar und deutlich sprach er
aus, was eigentlich eine Selbstverständlichkeit
sein sollte:
Die israelische Erstürmung des
Schiffes in internationalen Gewässern
war ein Kriegsakt - sich dagegen mit
Stöcken zu verteidigen ist in
der Situation nur ein selbstverständlicher
Akt der Notwehr.
Einmal mehr wurden von manchen Medien
antimuslimische Stereotype eingesetzt,
um der israelischen Argumentation
subtil Hilfestellung zu leisten: Die
ermordeten Zivilisten waren Muslime,
sie seien bewaffnet gewesen, und die
Assoziation zu Al-Kaida-Terroristen
schwang gleich mit. Zugleich sollte
damit eine Entsolidarisierung erreicht
werden: Gelingt die mediale Entstellung,
alle FriedensaktivistInnen seien "gewaltbereite
Provokateure" nicht, so gelänge
vielleicht zumindest die mediale Aufspaltung
in "gewaltbereite Muslime"
und "friedliche Nicht-Muslime".
Das Versagen der europäischen
Medien geht einher mit dem Versagen
vieler VertreterInnen der europäischen
Außenpolitik. Unzureichend und
verhalten verurteilen Bundeskanzler
Faymann, Bundeskanzlerin Merkel und
andere europäische Staatsmänner
und -frauen die Ermordung der MenschenrechtsaktivistInnen,
"drohen" Israel mit aufklärenden
Untersuchungen, als hätte der
Goldstone-Bericht zu den Kriegsverbrechen
in Gaza irgendwelche Konsequenzen
nach sich gezogen.
Während die offiziellen RepräsentantInnen
der meisten europäischen Staaten
zurückhaltend und vorsichtig
lavierend zu den Ereignissen Stellung
beziehen, haben viele StaatsrepräsentantInnen
der Länder des Südens eindeutige
Worte gefunden: Brasilien, Kuba, Venezuela,
die Türkei verurteilten die Ermordungen
nicht nur unmissverständlich,
sondern forderten zugleich das Ende
der völkerrechtswidrigen Blockade
gegen die Menschen in Gaza.
Sich auf die skizzierte mediale Diskussion
in Europa einzulassen ist jedoch Teil
des Problems. Es ist die Konsequenz
eines Jahrhunderte langen kolonialen
Erbes, dass die unausgesprochene Projektion
"potentiell gewaltbereiter Muslime"
uns mehr ängstigen sollen, als
die mit Maschinengewehren bewaffneten
und auf ZivilistInnen schießenden,
westlichen, israelischen Soldaten.
Weshalb eröffneten die israelischen
Soldaten das Feuer sofort auf Menschen,
die sie anhand ihres Aussehens als
Araber identifizierten?
Doch letztlich rückt tatsächlich
weniger die Frage ins Zentrum, was
auf dem Schiff "wirklich"
passiert ist, als viel mehr, welche
noch immer präsenten kolonialen
Wünsche und Ängste hier
reproduziert werden.
Umso bedeutender ist es, dass sich
in Europa FriedensaktivistInnen nicht
mundtot machen lassen, weiterhin ein
Ende der Blockade fordern, dass couragierte
Menschen, Organisationen, PolitikerInnen
aus allen Ländern Europas neue
Schiffe nach Gaza schicken wollen,
und dass die Argumentationsmuster
und Taten der israelischen Führung
nicht mehr widerspruchslos hingenommen
werden.
Das Schicksal der Menschen in Gaza
zum Interesse der ganzen Welt zu machen,
war und ist das Ansinnen der FriedensaktivistInnen
der Freedom Flotilla.
Das Schicksal der Menschen in Gaza
ist jetzt zum Schicksal der Welt geworden,
die Blockade und Belagerung Gazas
endet nicht mehr am Checkpoint Erez
oder dem Grenzübergang Rafah,
sondern ist in die Metropolen Europas
eingedrungen. Und FriedensaktivistInnen
weltweit sind in die Situation gekommen
ihr Leben zu opfern, um gegen diesen
Krieg zu protestieren, um den Menschen
in Gaza beizustehen.
Unsere Solidarität gilt in diesen
Tagen den Menschen in Gaza, einem
Gefängnis, vor dessen Toren selbst
internationale BesucherInnen mit Todesschüssen
davon abgehalten werden, die "Gefangenen"
zu besuchen. Unsere Solidarität
gilt den TeilnehmerInnen der Friedensflotte
und ihren Angehörigen, die auf
den Schiffen oder in israelischen
Gefängnissen um ihr Leben bangen
und trotzdem an dem Vorhaben festhalten,
den Menschen in Gaza ihre Solidarität
zu zeigen. Unsere Trauer gilt den
Ermordeten der Mavi Marmara.
Die europäischen Staatsmänner
und -frauen schulden dem schwedischen
Bestseller-Autor und Friedensflotten-Teilnehmer
Henning Mankell eine Antwort, wenn
er fragt, was denn passiere, "wenn
wir nächstes Jahr mit hundert
Schiffen kommen - werden sie dann
eine Atombombe abwerfen?" Wie
wird die Reaktion der EU darauf sein?
Vorsichtige Kritik? Eine Untersuchungskommission?
Es ist Zeit, dass die Europäische
Union nicht nur Untersuchungen fordert,
sondern Handlungen folgen lässt.
Als FriedensaktivistInnen halten wir
daran fest, dass die Blockade gegen
die Menschen in Gaza aufgehoben werden
muss, und wir fordern die Unterstützung
und den Rückhalt der offiziellen
europäischen Außenpolitik,
den Rückhalt der Regierungen
und die Unvoreingenommenheit der Medien,
um zu gewährleisten, dass diese
Akte der Solidarität nicht erneut
den tödlichen Angriffen der israelischen
Armee ausgeliefert sind!
Es gilt Mankells Forderung nach Sanktionen
gegen Israel wie einst gegen Südafrika
zu unterstützen: "Wir wissen,
dass die dort große Wirkung
hatten".
Verein für antirassistische und
friedenspolitische Initiative/Dar
al Janub
Wien, 3. Juni 2010