DAS ABKOMMEN UND DIE FLÜCHTLINGSBEWEGUNG:
FRAGEN
UND HERAUSFORDERUNGEN
von Anwar Hamam - Return Review/Jänner 2004 (Palestinian Return Center)
Niemand weiß, ob das Genfer Abkommen die hitzigen Debatten verdient hat, die darüber geführt werden, oder ob es nur Tinte auf Papier bleiben und nie irgendeinen Einfluss auf das politische Leben in Palästina haben wird. Könnte das Abkommen ein entscheidender Moment in den offiziellen palästinensischen Perspektiven und der Beginn einer zukünftigen politischen Mobilisierung in Palästina sein? Ist die hitzig geführte Debatte überhaupt gut für die palästinensische Gesellschaft? Auf jeden Fall muß eine ernsthafte Debatte über die Flüchtlingsfrage stattfinden, vor allem im Zusammenhang mit den verschiedenen Ansätzen der Autoren des Genfer Abkommens zur Lösung dieser Frage. Aber auch über die Positionen der verschiedenen politischen, kulturellen und sozialen Kräfte, die im Flüchtlingsbereich aktiv sind, muß diskutiert werden, abseits von Verratsvorwürfen und geistiger Einschüchterung.
Die Positionen der Autoren des Genfer Abkommens
Die Autoren des Genfer
Abkommens beginnen ihre Einführung über die erzielte Einigung
in der Flüchtlingsfrage mit der Annahme der Unmöglichkeit der
Rückkehr in die 1948 besetzten Gebiete. Sie nehmen an, dass die Rückkehr
nichts anderes als den kollektiven Selbstmord Israels bedeuten würde.
Sie sind der Ansicht, dass die Rückkehr niemals erreicht werden kann
und deshalb die Forderung danach, die Einigung mit der israelischen Seite
nur unnötig verkomplizieren würde. Daher suchen sie nach einer
Einigung innerhalb ihres Konzepts des "Politischen Realismus"
und rufen zu einer symbolischen Rückkehr der Flüchtlinge nach
Israel und zu einer tatsächlichen Rückkehr in einen zukünftigen
palästinensischen Staat auf. Manche sind der Ansicht, dass die Palästinenser,
die ihre nationale Identität bewahren wollen, in einen zukünftigen
palästinensischen Staat zurückkehren sollten. Andere, angeregt
durch das Taba-Abkommen, schlagen den "Landtausch" als Lösung
des Flüchtlingsproblems vor. Von den Palästinensern wird gefordert,
in einen zukünftigen, von israelischen Siedlungen umgebenen palästinensischen
Staat in West Bank und Gaza zurückzukehren, anstatt in ein Land, von
dem Israel in Folge gezwungen wäre, sich zurückzuziehen. Das Genfer
Abkommen stellt nur eine Interpretation der Resolution 194 dar. Dieser Interpretation
zufolge ist Kompensation nicht nur eine Begleitmaßnahme des Rechtes
auf Rückkehr, sondern soll eine Alternative dazu darstellen.
Die Befürworter des Abkommens bestehen darauf, dass die Ablehnung dieses
nicht-offiziellen Vorschlages historisch gesehen ein Fehler wäre. Solange
sie, die Autoren, lebten, hat Israel seine Politik der vollendeten Tatsachen
kontinuierlich fortgeführt, in dem es den Palästinensern stets
neue geographische und politische Fakten aufgezwungen hat. Weiters argumentieren
sie, dass die Bedeutung des Abkommens darin liegt, dass es in der Lage ist
die israelische Gesellschaft zu erreichen. "Ungeachtet der Details",
wird gesagt, könne das Dokument die Israelis dazu zwingen, eine politische
Einigung mit einem gesprächsbereiten, palästinensischen Partner
zu suchen. Dies würde Sharons Argumente zur Verteidigung seiner Kampagne
der Aggression gegen die Palästinenser ebenso widerlegen, wie seine
Behauptung, dass die Parole "Lasst die Armee gewinnen!" am Ende
siegreich sei. Manche sehen das Dokument als eine politische Peinlichkeit
für Sharon, als Teil der Vorbereitung einer Wahlniederlage, die ihm
durch die sogenannten "Kräfte des Friedens" in der israelischen
Gesellschaft zugefügt werden soll.
Die Flüchtlinge machen mobil
Aktivisten, die im
für des Recht auf Rückkehr arbeiten, sehen dieses Abkommen als
eine Verletzung des unabdingbaren Rechtes auf Rückkehr, als einen Spaltungsversuch
und einen Schlag gegen die palästinensische nationale Einheit, wie
sie im Nationalen Rat und der Zentralen Versammlung verankert ist. Sie bestehen
darauf, dass, selbst wenn die Initiative eine Peinlichkeit für Sharon
sei, ein zu hoher Preis zu bezahlen wäre. Das Abkommen beinhaltet die
Verfälschung internationaler Resolutionen, besonders in Bezug auf die
Resolutionen 242 und 194, es senkt das Niveau der palästinensischen
Forderungen und erhöht gleichzeitig das Niveau der Forderungen der
israelischen Seite. Aktivisten für Flüchtlingsrechte sind fest
davon überzeugt, dass die Flüchtlingsfrage das Herz des Konfliktes
ist. Sie glauben, dass die Verantwortung für ein Ende der Geschichte
des Tötens, des Terrorismus und der Einschüchterung durch die
zionistischen Banden, mit dem Ziel, ein Volk zu entwurzeln, um es gegen
ein anderes zu ersetzen, vor allem bei Israel selber liegt. Dass das Recht
auf Rückkehr umgesetzt werden muss, so wie es in der Resolution 194
der Generalversammlung der Vereinten Nationen ausgedrückt wird. Und
dass alle Formen der Zurückführung, die mit der israelischen Theorie
des Bevölkerungsaustausches (Austausch von Juden aus arabischen Ländern
mit palästinensischen Flüchtlingen) einhergehen, oder Landtausch
als Lösung des Problems sehen, bekämpft werden müssen.
In ihren Forderungen beziehen sich die Flüchtlinge auf internationale
Menschenrechtskonventionen und Erklärungen. Sie fordern, dass das Recht
auf Rückkehr eines der fundamentalen Menschenrechte ist, auf das er
Anspruch hat, genau so wie auf das Recht auf Bildung und das Recht auf ein
mesnchenwürdiges Leben. Weiters fordern sie eine Resolution, die Israels
Anerkennung dieses Rechtes als eine Vorbedingung für die Anerkennung
des Existenzrechtes Israels festlegt. Das Recht auf Rückkehr ist ein
historisches Recht, da das palästinensische Volk seine nationale arabisch-palästinensische
Identität und Kultur in diesem Land begründet hat.
Verfechter dieses Rechtes bestehen darauf, dass es unbedingt in Zusammenhang mit dem Recht auf Kompensation gebracht werden sollte, auf der Grundlage der Resolution 194. Kompensation könne folglich nicht als ein Ersatz für die Rückkehr gelten. Die Kompensation umfasst die Jahre der Vertreibung der Flüchtlinge aus ihren Häusern und die trennung von ihren Verwandten, sie umfasst das Leiden und das Exil, die entgangenen Einnahmen von dem Land, von dem sie vertrieben wurden, und die Betriebsmittel, die sie gezwungenermaßen zurücklassen mussten. Kompensation sollte auch die emotionalen Verletzungen und die "verlorenen Möglichkeiten" berücksichtigen.
Fragen, die die Autoren des Dokumentes beantworten müssen
Es gibt eine Anzahl
von Fragen und Problemen bezüglich der Angelegenheiten der Flüchtlinge,
die die Autoren des Dokumentes in Betracht ziehen müssen. Diese sind
folgend kurz zusammengefasst:
Die Frage der Repräsentation: Auf was stützen die Autoren des
Abkommens ihren Anspruch, die palästinensischen Flüchtlinge zu
repräsentieren und sich das Recht zu nehmen, auf entscheidende und
individuelle Rechte, betreffend der illegitimen Konfiszierung individuellen
Eigentums zu verzichten? Wer würde die Besitzer für deren Eigentum,
Häuser, Land und Betriebsmittel entschädigen? Sollen jene, die
die Kompensation ablehnen, gezwungen werden sie zu akzeptieren? Was soll
mit jenen passieren, die auf die Umsetzung des Rechtes auf Rückkehr
und auf Kompensation bestehen und es ablehnen, in ihrer Entscheidung durch
einen Zeitrahmen eingeschränkt zu werden? Wurde ein Zeitplan für
die Einreichung der gesetzlichen Ansprüch auf Rückgabe der Besitztümer
erstellt? Bis zu welchem Maße reicht das Land, das an den zukünftigen
palästinensischen Staat abgegeben werden soll, kann er die Millionen
von Flüchtlingen aufnehmen, wenn sie sich entscheiden sollten, dorthin
zurückzukehren? Wurden für das Abkommen realistische, wissenschaftliche
Berechnungen durchgeführt bezüglich Fragen von Infrastruktur (Gesundheits-
und Erziehungssystem, Strom und Wasserzufuhr, Transportwesen), bezüglich
derd Aussicht auf Schaffung von Entwicklung, der Schaffung von Arbeitsplätzen
und Produktionsmöglichkeiten? Oder ist die Flüchtlingsfrage letztlich
nur ein Diskussion über den Transfer, eine Diskussion über Nummern
und nichts weiter? Ohne jede Aussicht auf Entwicklung werden nur noch weitere
Probleme innerhalb der palästinensischen Gesellschaft geschaffen, die
nur schwer zu lösen sein werden. Alle israelischen Siedlungen in Gaza
und Westjordanland anzuerkennen, bedeutet, sie zu Tatsachen zu machen, obwohl
sich in vielen davon nur eine unbedeutende Anzahl von Siedlern aufhält.
Die Frage ist nun, ob die Flüchtlingsfrage gleich herangegangen wird,
oder werden die Flüchtlinge weiter als eine nummerierte Menge betrachtet,
die durch symbolische Rückführungen und Kompensation reduziert
werden soll? Ist es wahr, dass das Land, das im Austausch an Israel abgegeben
werden soll, Land mit enormer ökonomischer und sozialer Bedeutung ist?
Und ist es wahr, dass dieses Land, dass zudem die bedeutenden Wasserreserven
hat gegen ein Stück Wüste getauscht werden soll? Wird solch eine
Wüste die palästinensische Jugend motivieren, sich in ihr anzusiedeln,
was sich wieder auf den engen Zusammenhang zwischen der endgültigen
Ansiedelung und Entwicklungsprojekten führt.
- Wer wird die Besitzer
der 6 % Land entschädigen, die zur Übergabe an Israel vorgeschlagen
wurden, und wer hat ein Abkommen mit den Besitzern jener 2% getroffen, deren
Land laut Vorschlag einfach Israel überlassen werden sollte?
- Haben die Autoren die Notwendigkeit einer historischen Entschuldigung
von Israel an das palästinensische Volk für die Katastrophe 1948
bedacht und die Bedeutung eines Eingeständnisses über die Verantwortlichkeit
für diese Tragödie?
- Das Dokument hat die palästinensischen Grenzen definiert, da die
palästinensische Seite beinahe vollständig offiziell vertreten
war. Was wird passieren, wenn die Palästinenser mit der israelischen
Rechten verhandeln müssten, im Falle dass diese wieder gewählt
werden sollte?
- Werden die Flüchtlinge über ihre Rechte und Alternativen informiert,
oder werden sich die Pioniere der Genfer Initiative auf den aktuellen Zustand
der Verzagtheit innerhalb der palästinensischen Öffentlichkeit
verlassen?
- Was, wenn der palästinensische Staat nicht in einem Jahr nicht entstehen
wird, oder nicht in zwei oder selbst in 10 oder 20 Jahren nicht? Welche
Alternativen schlagen die Autoren vor?
Fragen, die die Flüchtlingsaktivisten in Betracht ziehen müssen
Während die Autoren des Genfer Abkommens, genau wie die der vorhergehenden Initiativen, darauf bestehen, die Flüchtlingsfrage im Gegenzug zur Anerkennung der aktuellen Situation als beglichen zu betrachten, sind die palästinensischen Flüchtlinge und ihre Institutionen, gegen alle diese Vorschläge vorgegangen, die sie als Aufweichung der nationalen Einheit und als Untergrabung der Rechte der Flüchtlinge verstehen. Es gibt, wie auch immer, eine Reihe von Problemen und Fragen, die die Flüchtlingsbewegung berücksichtigen muss:
- Haben die Flüchtlinge Einrichtungen, die im Stande sind, die Umsetzung des Rechtes auf Rückkehr zu schützen, abzusichern, zu verteidigen und zu fordern, insbesondere legale Einrichtungen, die am ehesten im Stande sind, ein Bewusstsein innerhalb der Flüchtlingsbereiche über die menschlichen und politischen Rechte von Flüchtlingen zu schaffen? Und sind sich die Flüchtlinge ausreichend bewusst über die Rolle, die sie in den Festlegungen ihrer Zukunft einnehmen müssen, oder ist die Arbeit innerhalb der Flüchtlingskreise elitär und isoliert von den Massen?
- Wo sind die realistischen
und praktischen Studien, die das zentrale Recht auf Rückkehr, den Mechanismus
der Rückkehr mit Details unterlegen, oder ist die Rückkehr als
ein Konzept nur eine politische Parole?
- Wie gehen Flüchtlingsassoziationen mit der Idee um, Vorschläge
über Grundlagen und Methoden des Kampfes gegen die Artikel des Genfer
Abkommens zu fördern, als Voraussetzung für eine endgültige
Einigung? Was wäre ihre Antwort, wenn ein ähnliches Abkommen von
beiden Seiten offiziell unterzeichnet werden würde?
- Wie steht es um die Möglichkeiten, den Kampf für das Recht auf
Rückkehr innerhalb des Rahmens einer Ein- und einer Zwei-Staaten Lösung
zu diskutieren?
- Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, realistisch gesehen, eine traditionell
palästinensische Gesellschaft von neuem zu schaffen, sollte die Rückkehr
umgesetzt werden, oder ist das Recht die eine Sache und die Umsetzung eine
andere?
Und letztlich
Es hat den Anschein, als habe das Genfer Abkommen, anstatt die israelische Gesellschaft zu infiltrieren, wie ihre Autoren gehofft hatten, selbst eine Spaltung und Uneinigkeit innerhalb der palästinensischen Seite geschaffen. Als Beispiel dafür gilt, dass es mittlerweile üblich geworden ist, über eine offizielle palästinensische Position, eine halb offizielle und eine populäre Position zu sprechen. Die Auseinandersetzung scheint sich von der palästinensisch/israelischen Arena in die palästinensische Ebene hinein verlagert zu haben. Was an der Genfer Initiative am meisten Sorgen bereitet, ist die Verletzung der internationalen Resolutionen bezüglich des Konfliktes, die Untergrabung ihrer Interpretation und der Idee der Schaffung eines palästinensischen Staates auf dem Gebiet, das Israel 1967 illegal besetzt hat. Das Dokument hat die palästinensischen Verhandler vollkommen waffenlos zurückgelassen.
* Zur Person: Anwar Hamam ist Forscher in der Soziologie von Flüchtlingen
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