| Nachlese: Brücken
nach Palästina - Bericht über ein Symposium über die humanitäre
und politische Situation in Palästina nach mehr als einem Jahr Sanktionen
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nach Palästina Mehr als ein Jahr nach den Parlamentswahlen
ist die humanitäre Situation in Palästina katastrophal. Die harte Boykottpolitik,
die sowohl auf politischer als auch auf ökonomischer Ebene zur Anwendung
kam, hat bereits folgenschwere Auswirkungen auf die palästinensische Zivilbevölkerung
nach sich gezogen. Innerhalb der EU zeigt sich abermals ein großer Zwiespalt
in Bezug auf eine eigenständige europäische Politik im arabischen Raum.
Einerseits hat die EU über Jahre hinweg eine im Vergleich zu den USA positive
Rolle im Nahost-Konflikt eingenommen, andererseits zeigte sie gerade im Hinblick
auf den Umgang mit der neu gewählten Regierung keine neuen Perspektiven auf
- im Gegenteil. Ohne ernsthaft auf die Verhandlungsinitiativen von arabischer
Seite einzugehen, schloss sich die EU einer massiven Sanktionierung des palästinensischen
Volkes an. Schon wenige Tage nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses forderten EU
und USA im Gleichklang, dass die neugewählte palästinensische Regierung
Israel anerkennen müsse, da andernfalls die finanzielle Unterstützung
gestrichen würde. Europa sah tatenlos zu, als Israel den Großteil der
palästinensischen Minister gefangen nahm und die israelische Armee im Gazastreifen
Woche für Woche unschuldige Zivilisten ermordete, und die EU konnte sich
nicht dazu aufraffen, die Massaker in Beit Hanoun deutlich zu verurteilen und
betreibt damit bis heute eine Politik der Doppelstandards, indem zwar an die Palästinenser
mit einer Liste an Forderungen herangetreten wird, Israels Besatzungspolitik jedoch
keine nennenswerten Proteste seitens der EU zu erwarten hat.
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Dar al Janub - Verein für Antirassistische
und Friedenspolitische Initiative organisierte in Kooperation mit der Gesellschaft
für Österreichisch-Arabische Beziehungen (GÖAB) das Symposium "Brücken
nach Palästina - die humanitäre und politische Situation nach den Sanktionen".
Im Zentrum des Symposiums standen Perspektiven und Möglichkeiten der Entwicklungszusammenarbeit
mit der palästinensischen Gesellschaft, die neue Wege des Dialoges zwischen
der EU und Palästina eröffnen sollten. Diese Veranstaltung wurde organisiert,
da es wichtiger denn je ist, diese Brücken von Europa nach Palästina
zu bauen - Europa hat die Verantwortung, die Palästinenser nicht hinter den
Mauern verhungern zu lassen.
ReferentInnen des Symposiums waren: - Dr.
Ahmed al Kord
Bürgermeister der Stadt Deir al
Balah, Gazastreifen, ehemaliger UNRWA-Mitarbeiter und langjähriger Koordinator
humanitärer Hilfsprojekte im Gazastreifen - Dr.
Helga Baumgarten
Professorin der Politikwissenschaften,
Autorin, Universität Birzeit, Palästina - Ramzy
Baroud
Autor und Journalist, Chefredakteur von Palestine
Chronicle, Autor von "Searching Jenin" und "The Second Palestinian
Intifada", USA - Dr. Ali Hweidi
Generalsekretär
der palästinensischen NGO "Palestinian Organization for the Right of
Return", lebt und arbeitet im palästinensischen Flüchtlingslager
Rashidiya im Libanon
Gazastreifen
- Das größte Freiluftgefängnis der Welt
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Einem Referenten, Bürgermeister
Dr. Ahmed al Kord, war es nicht möglich, am Symposium teilzunehmen, da er
den Checkpoint Rafah nicht passieren konnte. Dank der Korrektheit der österreichischen
Behörden erhielt Dr. Ahmed Al Kord zwar das österreichische Visum, doch
obwohl Israel sich offiziell aus dem Gazastreifen zurückgezogen hat, wird
der einzige Grenzübergang, der in den bzw. aus dem Gazastreifen führt,
vom israelischen Militär kontrolliert. Der Grenzübergang Rafah sollte
zwar offiziell von der EU und den ägyptischen Behörden überwacht
werden, de facto hängt es jedoch von der Willkür des israelischen Militärs
ab, ob PalästinenserInnen den Gazastreifen verlassen können oder nicht.
Die Situation von Dr. Ahmed al Kord spiegelt das Schicksal Tausender Palästinenser
wider, die oft Tage und Wochen am Grenzübergang Rafah ausharren müssen.
Diese entwürdigende Praxis ist symptomatisch für das Leiden des palästinensischen
Volkes im Gazastreifen - der oft als das größte Freiluftgefängnis
der Welt bezeichnet wird. Die österreichische Tageszeitung "Kurier"
veröffentlichte einen Tag vor dem Symposium ein Interview mit Dr. Ahmed Al
Kord, in dem er über die humanitäre Situation im Gazastreifen, die Sanktionen
und die neu gebildete Regierung der nationalen Einheit sprach. Nachdem Dr. Ahmed
al Kord am Symposium leider nicht persönlich teilnehmen konnte, wurde eine
Live-Telefonschaltung nach Deir al Balah organisiert. In seiner Rede ging er auf
die fortwährende Politik des Boykotts und deren Auswirkungen auf das Leben
der Zivilbevölkerung im Gazastreifen ein. Er problematisierte unter anderem
die schwierigen Bedingungen, unter denen die NGO´s versuchen, das zivilgesellschaftliche
Leben unter dem Embargo aufrecht zu erhalten.
Der
Ruf nach Demokratisierung Als
kritischer Beobachter der Entwicklungen in Palästina stellt man sich die
Frage, was in Bezug auf die Demokratisierung schief gelaufen ist und warum die
PalästinenserInnen mit einer so umfassenden Boykottpolitik sanktioniert wurden.
Im westlichen Diskurs stellt sich die Situation quasi so dar, als ob es vor den
Parlamentswahlen keine schwerwiegenden Probleme gegeben hätte und sich die
PalästinenserInnen lediglich von ihrer Regierung distanzieren müssten,
um wieder Aussicht auf Frieden zu haben.
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Doch die PalästinenserInnen,
so Ramzy Baroud in seinem Vortrag, hätten auch vor diesen Wahlen keine Aussicht
auf Frieden und einen existenzfähigen Staat gehabt. Hamas sei aufgrund der
schweren und aussichtslosen Lage gewählt worden, die durch die sogenannten
Friedensprozesse (Oslo, Roadmap) geschaffen worden sei. Dies, argumentierte Baroud
weiter, sei keine religiöse Frage; Hamas sei an die Macht gekommen, weil
sie es unterlassen habe, sich den Spielregeln der Israelis und Amerikaner zu unterwerfen.
Noch vor den Parlamentswahlen wurde die Demokratisierung des Nahen Ostens
als eine der wesentlichsten Aufgaben dargestellt, die für eine friedlichere
Zukunft in der Region von Relevanz seien. Zahlreiche internationale Wahlbeobachter,
wie beispielsweise Jimmy Carter, belegten, dass die palästinensischen Parlamentswahlen
demokratisch abgehalten wurden; über 80 % der Bevölkerung schritt zu
den Urnen, wobei der Großteil der WählerInnen Frauen waren. Ali
Hweidi skizzierte in seinem Vortrag, dass die PalästinenserInnen Wahlen unter
Besatzung abgehalten hätten und diese dennoch friedlich und demokratisch
verlaufen seien, weil jeder Palästinenser, ungeachtet seiner politischen
Richtung, für Palästina gewählt habe. Aber spätestens
nach Bekanntgabe der Wahlergebnisse gaben die USA und Europa zu verstehen, dass
die PalästinenserInnen leider die falsche Wahl getroffen hätten und
sie diese Regierung nur anerkennen würden, wenn diese die Forderungen des
Quartetts akzeptieren würde. Die palästinensischen Vertreter zeigten
sich durchaus verhandlungswillig und gaben in ihren Stellungnahmen nach den Wahlen
zu verstehen, dass sie bereit waren, auf die Bedingungen einzugehen. So belegte
Helga Baumgarten in ihrem Vortrag, dass die neu gewählte Regierung sich in
ihren Stellungnahmen darauf geeinigt hat, einen Staat innerhalb der Grenzen von
1967 zu akzeptieren, was de facto die Anerkennung des Existenzrechtes Israels
bedeuten würde. Des Weiteren habe sich Hamas an den Waffenstillstand gehalten
und die Bereitschaft signalisiert, bisherige Verträge unter gewissen Voraussetzungen
anzuerkennen. Diese Formulierungen, kritisierte Baumgarten, seien vom Quartett
jedoch ignoriert worden; stattdessen habe man mit einer massiven Boykottpolitik
auf politischer und ökonomischer Ebene begonnen.
Die
EU im Zwiespalt?
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Abermals zeigte sich die Widersprüchlichkeit
innerhalb der europäischen Außenpolitik, denn obwohl die EU über
Jahre hinweg humanitäre Hilfsprojekte und Initiativen zum Aufbau ziviler
Infrastrukturen sowie zum Erhalt des Bildungswesens und zur Demokratisierung unterstützt
hat, sind diese von der EU geförderten Projekte nur allzu oft dem israelischen
Militär zum Opfer gefallen. Während die EU also Gelder investierte,
agierte sie nicht selbstständig genug, um den Erhalt dieser Projekte auch
langfristig zu gewähren. Die gegenwärtige Lage offenbart abermals
die Pattsituation im europäischen Diskurs: Helga Baumgarten erläuterte,
dass die EU auf der einen Seite zwar die Politik des Boykotts unterstütze,
auf der anderen Seite jedoch humanitäre Hilfe leiste, wie beispielsweise
Direkthilfe an Krankenhäuser oder zur Aufrechterhaltung der Strom- und Wasserversorgung
sowie finanzielle Hilfe in Höhe von 150-200 Dollar für die 150.000 Ärmsten
der Armen. Durch TIM (Temporary International Mechanism - Direkthilfemaßnahmen
und Hilfszahlungen an Bedürftige) habe die EU an jedes einzelne Bankkonto
der 150.000 Betroffenen Hilfszahlungen überwiesen. Diesen enormen und kostenintensiven
Aufwand habe die EU auf sich genommen, nur um die offizielle Regierung politisch
zu umgehen. Auf diese Weise habe die EU versucht, die Katastrophe, die sie zuvor
mitproduziert hatte, zu mindern. Die EU, so Dr. Baumgarten weiter, habe ihre
Initiativen zum Aufbau staatlicher Infrastrukturen oder zur Demokratisierung vollkommen
abgebrochen. Daher klinge der Ruf nach Reformen in den Ohren der PalästinenserInnen
hohl und inhaltslos, wenn nicht gar scheinheilig. Die EU habe ihr eigenes Ziel
der friedlichen Konfliktlösung durch diese Haltung massiv untergraben.
Aussichten
und Perspektiven Die europäischen
Länder stehen vor der großen Aufgabe, ihre eigenen Prinzipien und Richtlinien
in Hinblick auf eine friedliche Konfliktlösung in die Tat umzusetzen. Wenngleich
Europa mehr und mehr zu einem wichtigen ausgleichenden Mittler in der arabischen
Welt wird, gibt es nach wie vor große Lücken und Unkenntnis sowie eine
Desensibilisierung im Umgang und der Darstellung des Schicksals des palästinensischen
Volkes. Im öffentlichen Diskurs wurde kaum hinterfragt, inwieweit die an
die PalästinenserInnen gestellten Bedingungen ausgewogen und gerechtfertigt
seien, denn obwohl täglich - wenn auch nur am Rande - von palästinensischen
Opfern der israelischen Besatzungspolitik berichtet wird, trat man, ohne an der
eigenen Objektivität und Loyalität zu zweifeln, an die PalästinenserInnen
mit der Forderung heran, die Sicherheit Israels zu gewährleisten. Ramzy
Baroud wies in seinem Vortrag darauf hin, dass mehr als 4.000 PalästinenserInnen
seit dem Ausbruch der zweiten Intifada ermordet worden seien; die Zahl der Verletzten
würde sich auf 10.000 belaufen. "Es gibt überhaupt kein Gefühl
der Sicherheit im Leben eines jeden Palästinensers im Westjordanland oder
im Gazastreifen". Trotzdem, fügte Baroud hinzu, werde von den PalästinenserInnen
verlangt, die Sicherheit ihres eigenen Besatzers zu gewährleisten. Noch nie
zuvor in der Geschichte sei dergleichen vom Okkupierten verlangt worden. Bezüglich
der Forderung zur Anerkennung abgeschlossener Vereinbarungen wies Ramzy Baroud
zudem auf die Tatsache hin, dass sich Israel bis heute weigert, ebendiese Vereinbarungen
zu akzeptieren. Ariel Sharon verlautbarte beispielsweise, dass diese Verträge
nicht länger von Relevanz seien. Baroud erwähnte auch, dass die PalästinenserInnen
über Jahrzehnte hinweg die internationale Gemeinschaft darum gebeten hätten,
Druck auf Israel auszuüben, um ihre völkerrechtlich verbrieften Rechte
zu unterstützen. Die PalästinenserInnen hätten auf die Analogien
zu Südafrika hingewiesen und zum Boykott der israelischen Politik aufgerufen.
Sechs Jahrzehnte später, so Baroud, hätten diese Bemühungen darin
geendet, dass die Palästinenser selbst von der internationalen Gemeinde boykottiert
würden. Trotz der humanitären Krise in Palästina haben es die
palästinensischen politischen Vertreter dennoch geschafft, eine Regierung
der nationalen Einheit zu bilden, und dies obwohl enormer Druck auf die Repräsentanten
der verschiedenen Fraktionen seitens der USA und Israels ausgeübt wurde.
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Nach über einem Jahr der Sanktionen,
argumentierte Dr. Ali Hweidi, habe die internationale Gemeinde keines ihrer Ziele
erreicht; die Palästinenser hingegen hätten es durch die Mekka-Vereinbarung
vom 8. Februar 2007 geschafft, eine Regierung der nationalen Einheit zu bilden.
Diese Regierung, so Dr. Hweidi, würde das gesamte palästinensische Volk
sowie die Einheit zwischen den PalästinenserInnen stärken. Zum ersten
Mal in der palästinensischen Geschichte würde eine Regierung alle PalästinenserInnen
innerhalb und außerhalb Palästinas repräsentieren.
Eine
nicht unbedeutende Anzahl von Ländern hat die neu gewählte Regierung
bereits anerkannt, darunter auch die europäischen Staaten Norwegen und die
Schweiz. Diese positiven Schritte zur Anerkennung palästinensischer innerdemokratischer
Prozesse sind wesentliche Initiativen zur Verwirklichung einer friedlichen Konfliktlösung,
die auf Gerechtigkeit und demokratischen Grundregeln basiert. Der Verein für
Antirassistische und Friedenspolitische Initiative organisierte diese Veranstaltung
in Kooperation mit der Gesellschaft für Österreichisch-Arabische Beziehungen,
um Initiativen dieser Art zu forcieren und den Dialog zwischen den europäischen
und palästinensischen Vertretern zu fördern, um ein Zeichen gegen die
Politik des Boykotts und der Ausgrenzung zu setzen und um den Menschen die medial
unterrepräsentierten Positionen und Stimmen der PalästinenserInnen zugänglich
zu machen.
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Das Symposium wurde von etwa 120 TeilnehmerInnen
besucht. Die ZuhörerInnen hatten im Anschluss an die Vorträge die Möglichkeit,
mit den ReferentInnen in Diskussion zu treten und Fragen an das Podium zu richten.
Abschließend gab es ein von Dar al Janub organisiertes Buffet. Sämtliche
Einnahmen des Buffets kamen humanitären Hilfsprojekten im Gazastreifen zugute.
Spendenaufruf
für Palästina Zur Unterstützung humanitärer Hilfsprojekte
im Gazastreifen, der Spendenerlös wird im Rahmen einer Delegationsreise,
die der Verein für Antirassistische und Friedenspolitische Initiative organisiert,
überreicht.
Empfänger: Verein für antirassistische und friedenspolitische
Initiative Verwendungszweck: Hilfe für den Gazastreifen Kontonummer:
92 160 350 BLZ: 60 000 IBAN: AT106000000092160350 Wir danken allen SpenderInnen.
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