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Am Samstag, 16. Jänner
2010 fand im Albert-Schweitzer-Haus
in Wien die Diskussions- und Informationsveranstaltung
" Gaza 2010 - Berichte, Expertisen,
Einschätzungen: Ein Jahr nach den
Angriffen auf Gaza" statt. Etwa
150 bis 200 Personen besuchten den Diskussionsabend,
der von "Dar al Janub - Verein
für antirassistische und Friedenspolitische
Initiative", dem "Koordinationsforum
zur Unterstützung Palästinas",
sowie der "Gesellschaft für
Österreichisch-Arabische Beziehungen"
organisiert wurde.
In der Eröffnungsrede
der VeranstalterInnen durch Mag. Peter
Leidenmühler wurde auf die Bedeutung
von NGOs für die Unterstützung
der Menschen in Palästina hingewiesen.
NGOs könnten dort Brücken
bauen, wo die offizielle Politik dies
nicht könne oder wolle, und NGOs
seien es, die marginalisierte und politisch
unbequeme Themen an die Öffentlichkeit
bringen und so einen offenen und pluralistischen
Diskurs garantierten, da sie nicht unter
politischer und ökonomischer Einflussnahme
stünden.
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Mag. Ghassan Obaid,
der im Namen des "Koordinationsforums
zur Unterstützung Palästinas"
sprach, erinnerte in seiner Rede an
die Ereignisse in Gaza vor einem Jahr,
an die schwierige Situation der Menschen
in Gaza heute. Die israelische Blockade
und der Krieg gegen Gaza hätte
nicht nur die Zielsetzung die Menschen
in Gaza zu isolieren und auszuhungern,
sondern auch den Willen der Bevölkerung
und ihre Zukunftsperspektiven zu vernichten.
Die versprochene Wiederaufbauhilfe sei
ausgeblieben, selbst die Einfuhr von
Zement für den Wiederaufbau sei
nicht möglich. Mag. Obaid betonte
die Verantwortung der internationalen
Gemeinschaft der Bevölkerung Gazas
zu helfen und bedankte sich für
die Unterstützung durch europäische
Initiativen und NGOs der Zivilgesellschaft.
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Azza Baschir, 1967
aus der Stadt Deir al Balah im Gazastreifen
vertrieben, klagte in ihrer Rede die
Völkerrechtsverletzungen Israels
und die verzerrte Berichterstattung
der europäischen Medien an. Es
sei das demokratische Recht jedes Menschen
durch direkte und unverfälschte
Medienberichte über die Ereignisse
außerhalb der geographischen Grenzen
seines Landes informiert zu werden.
Dieses Recht werde sowohl durch die
israelischen Akkreditierungsrestriktionen
für JournalistInnen, durch die
Blockade und Abriegelung des Gazastreifens,
aber auch durch die teilweise voreingenommenen
MedieninhaberInnen selbst gebrochen.
Frau Baschir appellierte daher auch
an die europäische Zivilbevölkerung,
Druck auf EntscheidungsträgerInnen
auszuüben, um die ungerechtfertigte
Isolation von Gaza zu beenden.
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Im ersten Panel erläuterte
Mag.a Hadeel Ghazzawi, Ernährungswissenschafterin
an der Universität Wien, die medizinischen
und ernährungswissenschaftlichen
Aspekte der Situation in Gaza. In ihrem
Vortrag verdeutlichte sie, unter welchen
Mangelerscheinungen vor allem Kinder
in Gaza leiden. Über 50% der Bevölkerung
von Gaza seien unter 15 Jahre. Insbesondere
der Mangel an Vitamin A führe zu
Fehlentwicklungen, ebenso habe das verschmutzte
Trinkwasser gravierende gesundheitliche
Auswirkungen.
Dr. Muneer Deeb, Oberarzt am Universitätsklinikum
für Chirurgie am Klinikum Kassel
und Vorsitzender der ärztlichen
Hilfsorganisation " PalMed Deutschland"
berichtet von seinem Einsatz in Krankenhäusern
in Gaza während der israelischen
Angriffe voriges Jahr. Die Operationssäle
seien vollkommen überbelegt gewesen,
jedes Operationsteam musste mehrere
Operationen zeitgleich und teilweise
auch in den Gängen des Krankenhauses
und unter katastrophalen hygienischen
Bedingungen durchführen. Da die
israelische Armee auch das Krankenhaus
angriff und in Brand steckten, mussten
die Patienten und hilfesuchende Zivilisten
sogar aus dem Krankenhaus evakuiert
werden.
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Dr. Deeb schilderte
unter anderem die verheerende Wirkung
der von Israel eingesetzten Waffen,
wie weißem Phosphor, Uran- und
DIME-Munition. Diese Waffensysteme führen
zu schweren Verstümmelungen der
Gliedmaßen, die nur bedingt bzw.
gar nicht behandelbar sind und massiver
Verseuchung der Gebiete mit unabschätzbaren
Langzeitwirkungen.
Ein Jahr nach dem Krieg sei insbesondere
durch den Mangel an medizinischem Material
durch die Blockade die Nachbehandlung
der Patienten nicht gewährleistet.
Humanitäre Hilfe gelange aufgrund
der Blockade nicht in den Gazastreifen,
so dauere es beispielsweise für
Injektionsmaterial der Firma Braun ein
halbes Jahr bis die Genehmigung für
die Einfuhr erteilt werden würde.
Ebenso sei die Einfuhr von Arm- und
Beinprothesen für Invalide nicht
im ausreichenden Maß gewährleistet,
womit die Rehabilitation der Verwundeten
zunichte gemacht werde. Eine weitere
Auswirkung der Blockade sei der Rückgang
der Ausbildungsqualität, da der
notwendige wissenschaftliche Austausch
erliege. Die Organisation "PalMed"
hätte genügend Projekte ausgearbeitet
(z.B. Hilfslieferungen, Austausch von
medizinischem Personal, u.v.m.), könnten
diese aber aufgrund der fortgesetzten
Blockade nicht umsetzen.
Im zweiten Panel wurde auf die politische
Situation ein Jahr nach den Angriffen
eingegangen.
Bundesminister a.D.
Erwin Lanc zeichnete in seinem Vortrag
die historischen Entwicklungen bis in
die heutige Zeit nach. Der israelische
Anspruch auf Gaza und das Westjordanland
sei weder aufgrund historischer Mythen
noch aufgrund völkerrechtlicher
Bestimmungen gerechtfertigt. Erwin Lanc
stellte fest, dass es für eine
Lösung des jahrzehntelangen Konflikts
vor allem einen Wechseln in der israelischen
Politik bedürfe, der wiederum nur
durch Druck von Außen vollzogen
werden könne. Insbesondere müssten
die GeldgeberInnen aus Europa und aus
den USA Israel durch ökonomischen
Druck zu einer Änderung der Politik
bewegen.
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Prof. Dr. Helga Baumgarten
ging in ihrem Ausführungen auf
den, die Gesamtsituation erschwerenden
Konflikt zwischen Fatah und Hamas ein
und akzentuierte die Bedeutung der sogenannten
Tunnelökonomie, als die derzeit
einzig mögliche Vorgehensweise,
um lebensnotwendige Waren in den Gazastreifen
zu importieren.
Die jahrzehntelang diskutierte Zweistaatenlösung
würde mittlerweile beinahe völlig
obsolet sein, und immer mehr ExpertInnen
gingen von der Realität aus, dass
heute PalästinenserInnen und Israelis
de facto in einem gemeinsamen Staat
leben, und die Lösung nur eine
völlige Umgestaltung der rechtsstaatlichen
Situation sein könne, die die gravierende
Ungleichbehandlung der EinwohnerInnen
in BürgerInnen unterschiedlicher
"Klassen" aufgrund ethnischer
Zugehörigkeit aufhebe.
In einem Livegespräch und Telefoninterview
mit Machmud Tafech, einem Arabischlehrer
aus Gaza-Stadt, beschrieb dieser die
dramatische Lebenssituation aus der
Perspektive der BewohnerInnen Gazas.
Man müsse jederzeit mit erneuten
israelischen Angriffen rechnen und lebe
in einem permanenten Kriegszustand.
Dr. Maryam Saleh,
Abgeordnete des palästinensischen
Legislativrates richtete sich in einer
Videobotschaft
an die Zivilgesellschaft Europas. Sie
bedankte sich für alle Unterstützung,
appellierte jedoch gleichzeitig, die
palästinische Gesellschaft in ihrem
Streben nach Freiheit noch stärker
zu unterstützen. Ihrer Einschätzung
nach sei der geplante Bau einer Stahlmauer
um Gaza eine höchst gefährliche
Entwicklung, da dieser den Menschen
in Palästina auch noch die letzten
Möglichkeiten und Hoffungen rauben
würde.
Zum Schluss der Veranstaltung wurde
die Publikumsdiskussion eröffnet,
in der Fragen und Stellungnahmen der
ZuhörerInnen beantwortet und erörtert
wurden. Ein anschließendes Bufett
mit arabischen, türkischen und
palästinensischen Speisen beendete
den Abend.
Fotos
der Veranstaltung "Gaza 2010
- Berichte, Einschätzungen, Expertisen:
Ein Jahr nach dem israelischen Angriff
auf den Gazastreifen"

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