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Als
Verein, zu dessen Agenda unter anderem
auch Integrations-, Partizipationsarbeit,
interkulturelle Begegnungspolitik, sowie
antirassistische und friedenspolitische
Öffentlichkeitsarbeit zählt,
haben wir elf Tage vor der Wahl einen
Fragekatalog an sechs der wahlwerbenden
Parteien verschickt und um Beantwortung
vor dem Wahlsonntag gebeten.
Die fünf Fragen zu Integrationspolitik,
zur Deutschkurs-Debatte, zu Frauenrechten,
zum antimuslimischen Rassismus und zum
israelisch-palästinensischen Konflikt
wurden bisher leider nur von zwei der
sechs Parteien beantwortet - dem BZÖ
und der SPÖ (gebeten wurde um eine
Antwort bis Freitag, 08.10.2010). Das
Landesbüro der Grünen Alternative
Wien ließ uns schon am 30.09.2010
wissen, dass unsere Anfrage "zur
weiteren Bearbeitung an den Grünen
Klub im Rathaus weitergeleitet"
wurde. Heinz-Christian Strache sendete
uns eine automatisch generierte Nachricht,
dass die Anfrage nicht beantwortet werden
könne, wenn sie nicht "über
das Kontaktformular www.fpoe-parlamentsklub.at/Mein
Anliegen' deponiert" werden würde.
Der Leiter der Abteilung Presse der
ÖVP, Herr Robert Zwickelsdorfer
schickte uns immerhin eine Lesebestätigung,
ebenso die KPÖ Wien.
Es ist natürlich nachvollziehbar,
dass der Wahlkampf für alle Parteien
eine Zeit erhöhter Anstrengungen
und Strapazen ist und allen SpitzenkandidatInnen
und Wahlkampf-MitarbeiterInnen übervolle
Terminkalender beschert. Ebenso ist
es begreiflich, dass elf Tage für
eine tiefergehende Beantwortung spezifischer
Fragen zu komplexen Themen eine relativ
kurze Frist ist. Die Fragen ergingen
per E-Mail an jeweils drei E-Mail-Adressen
der jeweiligen Partei (SpitzenkandidatIn,
Pressestelle und Landesbüro).
Dennoch stellt sich doch auch eine gewisse
Ernüchterung ein, dass vier von
sechs wahlwerbende Parteien - darunter
auch Parteien, zu deren Leitgedanken
Basisdemokratie und zivilgesellschaftlicher
Dialog zählen - uns keine Antworten
zusenden konnten oder wollten.
Natürlich bleibt zu hoffen, dass
alle angesprochenen Parteien auch nach
der Wahl Interesse an einem vertiefenden
Dialog mit zivilgesellschaftlichen Einrichtungen,
Vereinen und NGOS anstreben, und möglicherweise
werden die Antworten noch nachgereicht.
Als unabhängige und überparteiliche
NGO möchten wir - auch nach erfolgter
Beantwortung oder eben dem Ausbleiben
dieser Antworten - keine Wahlwerbung
machen oder Wahlempfehlung aussprechen,
möchten aber selbstverständlich
auch die zugesendeten Antworten nicht
vorenthalten.
Anschließen möchten wir uns
aber der Empfehlung, vom Wahlrecht Gebrauch
zu machen. Gerade auch nach einem Wahlkampf,
der leider sehr polarisierend, leider
auch oft mit sehr verkürzenden
Parolen und streckenweise grenzüberschreitend
geführt wurde.
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Befragte
Parteien: SPÖ, ÖVP, Die Grünen,
FPÖ, BZÖ, KPÖ
Ziel und Zweck der Anfrage:
Der Verein für antirassistische
und friedenspolitische Initiative -
Dar al Janub - ist nun schon seit sieben
Jahren in der Integrations- und interkulturellen
Begegnungspolitik aktiv. Außerdem
arbeiten wir schwerpunktmäßig
zum israelisch-palästinensischen
Konflikt.
In unserem Zentrum treffen sich Menschen
mit verschiedensten Biographien und
Hintergründen, tauschen sich über
das alltägliche Leben aus, lernen
sich hier gegenseitig kennen, diskutieren
die verschiedenen Sichtweisen über
die regionalen, wie internationalen
Ereignisse und realisieren gemeinsam
Projekte. Wir sind AktivistInnen, ÖsterreicherInnen
aus unterschiedlichen sozialen Schichten,
Menschen unterschiedlicher Herkunftsländer,
unterschiedlicher Glaubensrichtungen
und Weltanschauungen.
Die
Wiener Wahlen sind für uns ein
wichtiges Thema, denn für eine
NGO, die sich für Minderheitenrechte
einsetzt, ist es eine entscheidende
Frage, welchen Platz Minderheitenrechte
in den politischen Debatten einnehmen,
wie diese von den Parteien diskutiert
werden und welche Positionen die im
Parlament und Rathaus vertretenen Parteien
zu diesem Thema beziehen.
Als NGO möchten wir keine Wahlwerbung
machen oder Wahlempfehlung aussprechen,
einerseits, um unsere Unabhängigkeit
zu bewahren, andererseits auch, weil
wir uns als überparteiliche Organisation
verstehen. Zu dieser Anfrage haben wir
uns entschlossen, um den FreundInnen,
Mitgliedern, AktivistInnen und Gästen
unseres Vereins einen Überblick
über die Standpunkte der Parteien
zu den wichtigsten Themen, die im Verein
diskutiert werden und vielen auf dem
Herzen liegen, zu geben.
Wir bitten Sie daher, als VertreterIn
einer der wahlwerbenden und zu den Wahlen
antretenden Parteien, uns eine ausführliche
Antwort auf diese, für unseren
Verein wichtigen Fragestellungen in
schriftlicher Form zukommen zu lassen.
Da Ihre Antworten eine wichtige Hilfestellung
bei der Wahlentscheidung für Mitglieder,
UnterstützerInnen, FörderInnen
und FreundInnen unseres Vereins bietet,
möchten wir Sie bitten uns Ihre
Antwort gegebenenfalls bis spätestens
8.10.2010, 12 Uhr zuzusenden.
Im Unterschied zum Usus einer Interview-Situation,
gestalten wir unsere Fragen mit einer
einleitenden Ergänzung, die unsere
Standpunkte zu den gewählten Themen
wiedergibt. Wir möchten damit auch
einen Diskurs erweitern und Ihnen die
Möglichkeit geben, unsere Fragestellungen
vertiefend zu verstehen.
Ihre Antworten möchten wir selbstverständlich
gerne veröffentlichen (in unserem
Verein, über soziale Netzwerke
und auf unserer Website). Wir behalten
uns gegebenenfalls vor auch zu vermerken,
welche Partei uns keine Antwort auf
diese Fragen geben konnte oder wollte.
1.
Mangelnde
Integrationsbereitschaft von MigrantInnen
wird als ein wesentliches Problem der
Gesellschaft von vielen politischen
EntscheidungsträgerInnen attestiert
und ist gerade auch im aktuellen Wahlkampf
Thema kontroverser Auseinandersetzungen.
Eine quer durch alle Parteien häufig
genannte, politische Antwort für
dieses Problem sind (mehr oder weniger
verpflichtende) Sprachkurse für
MigrantInnen. Jedoch hat gerade auch
die europäische und die Wiener
Geschichte gezeigt, dass Menschen aus
anderen Teilen der Welt sich auch ohne
die Aneignung der Landessprache integriert
haben bzw. hier eine neue Heimat finden
konnten (z.B. die ZiegelarbeiterInnen
aus dem ehemaligen Böhmen und Mähren).
Auch hat die Europäische Geschichte
in tragischer Weise gezeigt, dass Menschen,
die seit Jahrhunderten hier lebten und
die Sprache perfekt beherrschten, vom
Arbeitsmarkt ausgeschlossen, diskriminiert
oder sogar verfolgt und ermordet wurden.
Sogenannte "Integrationsbereitschaft"
(oder umgekehrt "Integrationsunwilligkeit")
war und ist bis heute ein beliebig einsetzbares
Schlagwort, um Bevölkerungsgruppen
zu marginalisieren und gesellschaftlich
an den Rand zu drängen. Gerade
das Erlernen der jeweiligen Landessprache
ist vor allem auch ein sozialer Prozess,
der sehr eng an gesellschaftliche Strukturen
gebunden und von der Offenheit einer
Gesellschaft geprägt ist. Umgekehrt
kann die Landessprache kaum über
sterile, oder gar erzwungene Sprachkurse
erlernt werden. Motivation, die Landessprache
zu erlernen, kann auch nur gegeben sein,
wenn die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen
Perspektiven und Chancen für MigrantInnen
gegeben sind.
Was
wird Ihre Partei unternehmen, um zu
verhindern, dass die "Sprachkurs-Debatte"
als ein Vorwand dient, um Menschen aufgrund
ihres Migrationshintergrundes an den
Rand zu drängen und als politische
EntscheidungsträgerIn sich damit
der eigenen politischen Verantwortung
für alle BürgerInnen dieses
Landes zu entbinden? Welche Maßnahmen
plant Ihre Partei, um rassistische und/oder
kulturalistische Vorurteile innerhalb
gesellschaftlicher Strukturen abzubauen,
sowie Anreize zu schaffen, dass Wirtschaftsbetriebe
und insbesondere Betriebe im Dienstleistungssektor
dazu bewegt, MigrantInnen faire Chancen
am Arbeitsmarkt zu bieten, bei der sie
gleichzeitig auch ihre kulturelle, religiöse
und politische Eigenständigkeit
wahren können? Welche Perspektiven
bietet Ihre Partei jenseits von Deutschkursen,
die marginalisierten Bevölkerungsgruppen
- mit oder ohne Migrationshintergrund
- fördert und Bildungs- und Arbeitsmarktgerechtigkeit
schafft?
2.
Der
Wahlkampf spiegelt immer auch eine öffentliche
Diskussion wider , nimmt aber oftmals
auch künstlich geschaffene und
verkürzt dargestellte Problematiken
in seine Agenda auf. Aus gutem Grund
sind Frauenrechte ein wesentlicher Programmpunkt
nahezu jeder Partei. Bedauerlicherweise
werden aber auch diese im Wahlkampf
oftmals nur plakativ angerissen. Seit
Jahren werden in diesem Zusammenhang
insbesondere auch die Rechte muslimischer
Frauen - im positiven wie im negativen
Sinne - verstärkt thematisiert.
Besonders problematisch erscheint uns
dabei die verkürzende, oftmals
auf das vermeintlich "aufgezwungene
Kopftuch" reduzierte Diskussion,
die Muslimas - gleich ob sie nun das
Hijab tragen oder nicht - zu Objekten
eines Diskurses degradiert. Das medial
transportierte Bild der zu rettenden,
kopftuchtragende Muslima scheint oftmals
als willkommener Vorwand, um wesentliche
und einzufordernde Frauenrechte aus
der politischen Agenda auszublenden.
Was unternimmt Ihre Partei, um Rechte
für Frauen - ungeachtet ihrer sozialen,
religiösen, sprachlichen, nationalen
Zugehörigkeit oder sexuellen Orientierung
- zu schützen, zu fördern
und durchzusetzen?
3.
Der
Islam ist eine anerkannte Weltreligion
und zählt seit Jahrhunderten auch
zum kulturellen und geistigen Erbe Europas,
dieses Landes und dieser Stadt. Scheint
diese Religion kulturell und juristisch
in Wien akzeptiert, religiös in
Grenzen geduldet zu sein (Stichwort
Minarett-Verbot), ist sie politisch
nicht nur nicht akzeptiert, sondern
wird er als "politischer Islam"
gesondert gegenüber den anderen
Weltreligionen betrachtet und - aufgrund
einzelner, djihadistischer Terrororganisationen
- pauschal dämonisiert. Umgekehrt
wird zu Recht jedem katholischen Würdenträger
zugestanden, sich jederzeit öffentlich
sowohl zu religiösen, als auch
zu politischen Themen im säkularen
Österreich zu Wort zu melden.
Müsste diese Normalität nicht
auch für islamische VertreterInnen
gelten? Was kann ihre Partei dazu beitragen
und was hat sie bisher beigetragen,
um den Dialog mit muslimischen VertreterInnen
gerade auch zu politischen Themen zu
fördern, zu verstärken und
zu intensivieren?
4.
Noch
in der letzten Phase des europäischen
Kolonialismus wurde auf deutschsprachigen
Universitäten von der "Vermorgenländerung"
Europas gesprochen. Gemeint war in der
damaligen Logik der herrschenden Wissenschaft,
die "biologische Verunreinigung
mit vorderasiatischen und orientalischen
Rassen". Der Orientalismus ist
im deutschsprachigen Raum nach wie vor
ein unzureichend aufgearbeitetes Thema.
Während in der Vergangenheit die
biologistische Variante des Rassismus
in der damaligen europäische Wissenschaft
forciert wurde und von dieser "wissenschaftlich"
legitimiert wurde, hat sich diese spätestens
durch das Verbrechen des Nationalsozialismus
(vorläufig) disqualifiziert. Gleichzeitig
kann man heute vermehrt eine kulturalistische
Variante des Rassismus beobachten, bei
der "Kultur", oftmals als
vermeintlich politisch korrekter Ersatzbegriff
für "Rasse" fungiert,
ebenso rassistische Argumentationen
einer abendländischen Überlegenheit
bedient, und die zunehmend aggressiv
vertreten wird.
Wie weit arbeitet Ihre Partei mit WissenschafterInnen,
ExpertInnen , Kulturschaffenden, alternativen
JournalistInnen und Vereinen zusammen,
um den rassistischen Bildern des Orientalismus
zu begegnen und eine offensive Vergangenheitsbewältigung
zu betreiben, die die 500jährige
Geschichte des rassistischen Kolonialismus
aufarbeitet?
5.
Wien
war und ist ein Dreh- und Angelpunkt
internationaler Politik. Friedenskonferenzen
und Impulse zur Konfliktlösung
wurden von Wiener und österreichischen
Persönlichkeiten und Gruppen erfolgreich
initiiert. Auch der israelisch-palästinensische
Konflikt wurde von Wien aus beeinflusst.
Der marginalisierte und in der diskursiven
Repräsentation benachteiligte Part
dieser beiden Konfliktparteien - die
palästinensische Seite - hat in
Wien Ende der 1970er Jahre durch die
Schaffung einer offiziellen, palästinensischen
Vertretung erstmals einen internationalen
Status bekommen. Heute ist der Frieden
ferner denn je und die palästinensische
Bevölkerung leidet wie nie zuvor
unter Besatzung, Krieg und Hunger.
Welche Signale kann ihre Partei von
Wien aussenden, um den Palästinenserinnen
und Palästinensern zu signalisieren,
dass sie nicht alleine sind? Was für
Aktivitäten plant ihre Partei um
den Menschen in Palästina zu helfen?
Würde ihre Partei einen Hilfskonvoi
nach Gaza unterstützen?
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